8. August 2017, 16:00 Uhr 642 Leser

Tiroler Frauenpower Teil 6 – Christine Pernlochner-Kügler: „Tod ist etwas Normales"

Christine Pernlochner-Kügler ist Bestatterin in Innsbruck und hat gelernt, den Tod alltäglich zu sehen.

Geschätzte Frau Pernlochner-Kügler, glauben Sie persönlich an ein Leben nach dem Tod?
Christine Pernlochner-Kügler: „Schwierige Frage. Ich habe die Hoffnung, zweifle aber stark daran. Warum soll es danach weitergehen, der Körper ist tot, und wie soll das mit dem Weiterleben der Seele gehen? Die hat auch noch niemand gesehen. Aber es gibt dieses Fragezeichen für mich. Ich bin für alles offen."

Welche Bedeutung hat der Tod – neben der finanziellen – in Ihrem Leben?

„Der Tod ist für mich mittlerweile etwas Normales, Alltägliches geworden. Wir haben alle nur eine bestimmte Zeit auf dieser Welt, die sollten wir nutzen.“

Das heißt, der Spruch „man lebt nur einmal und im Normalfall sollte das reichen“ könnte von Ihnen stammen?

„Schon, aber ob es reicht, weiß ich nicht, ist auch nicht beeinflussbar. Man sollte möglichst glücklich mit sich selber und seiner Umgebung leben und sich nicht allzu intensiv mit dem Jenseits beschäftigen. Möglich, dass dadurch im Diesseits etwas versäumt wird.“

Wenn man Ihre Facebookseite betrachtet, so steht unbestritten schwarzer Humor im Vordergrund. Ist es eine Art Selbstschutz, wenn man täglich mit Leichen zu tun hat?
„Ganz sicher. Humor war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Und Berufsgruppen, die mit Leid und Tod zu tun haben, neigen verstärkt zu schwarzem Humor. Auch um Belastungen abzufedern.“

Hilft Ihnen da Ihr Psychologiestudium?
„Auf alle Fälle.“

Und welche Gespräche gibt es beim Abendessen mit dem Ehemann?
„Mein Mann bekommt manchmal mehr mit als ihm lieb ist. Nicht einmal wegen meiner detailreichen Schilderung, sondern auch weil ich öfters noch Telefonate mit Angehörigen führen muss. Aber mein Wechsel vor 15 Jahren in die Branche war für meinen Mann befremdlich. Es hat Zeit gebraucht, mittlerweile funktioniert es gut und er hat auch seinen eigenen schwarzen Humor entwickelt.“

Leiche ist nicht gleich Leiche. Graut Ihnen manchmal noch davor, Leichen optisch herzurichten?
„Ekel ist eine wichtige Emotion, die man sich als Selbstschutz behalten muss. Ein Körper ist immer mehr oder weniger infektiös, Ekel durch starke Gerüche bei Verwesung oder Ausscheidung zeigen mir, dass die Substanzen gefährlich sind. Aber man eignet sich mit der Zeit auch Strategien an, mit ekligen Situationen umzugehen.“

Gutes Personal zu finden ist nicht immer leicht. Wie geht es da der Bestattungsbranche?
„Wir haben viele Anfragen, auch von Frauen, die mich auch ein wenig als Vorbild sehen. Aber oft ist die Vorstellung von der Arbeit und die Tätigkeit eine ganz andere. Gerade Gespräche mit Angehörigen im Todesfall ist für viele eine Belastung. Gutes Personal zu finden, das auch bleibt, ist schon schwierig.“

Sie haben Bernhard Aichner für seine Blum-Trilogie ins Bestattungswesen eingeführt. Angenommen, es geschähe Ihnen ähnliches Leid wie Blum im Roman, würden Sie zu Blum werden können?
„Das ist eine gemeine Frage. Aber wie schon Psychologe Thomas Müller sagt, jeder kann zum Mörder werden. Ich hoffe es für mich nicht, aber wer von uns hat nicht schon einmal mit Mordphantasien gespielt? Aber so zu werden wie Blum, kann ich mir nicht vorstellen.“

Verbrennen nach dem Ableben wird zusehends populärer. Wird der Tiroler noch konservativ im Sarg bestattet?
„In Innsbruck liegt die Feuerbestattung bei 80 Prozent, im Rest Tirols bei 50 Prozent. Mit klar steigender Tendenz zur Feuerbestattung.“

Migranten sterben meist ohne große Öffentlichkeit. Wie gehen Sie mit den anderen Kulturkreisen bei der Verabschiedung um? Wo werden diese Menschen beerdigt?
„Muslime, Hindus oder Buddhisten werden auch bei uns verabschiedet, es gibt in Pradl auch einen muslimischen Friedhof. Rituale und Feierlichkeiten werden von den Angehörigen selbst organisiert, wir vermieten da nur den Waschraum für die Angehörigen. Wichtig ist, gerade bei den Muslimen, die rasche Erdbestattung der Toten. Das führt bei unseren Behördenwegen oft zu Unverständnis, weil es eben länger dauert, bis alle Formalitäten nach dem Todesfall erledigt sind.“

Renato Bialetti wurde 2016 in einer großen Espresso-Kanne als Urne beigesetzt. Ein guter Gag oder pietätlos?
„Ich finde das stimmig und das kommt immer mehr in Mode. Denn es gibt keine Vorschrift, wie eine Urne auszusehen hat. Ich habe auch bei uns schon eine Frau in einer ihrer Kaffeekannen, die sie im Lauf des Lebens gesammelt hat, beerdigt. Ich kann mir auch eine Urne töpfern.“

Wenn es keine Leichen gibt, wo und wie entspannen Sie hauptsächlich?
„Beim Lesen, Spazieren, Kochen oder Schlafen. Mein privates Leben ist sehr unspektakulär, fast schon fad.“

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